Blog zu Legasthenie und Dyskalkulie

Arbeitskreis Legasthenie Bayern e.V.

“Nur mal eine Anmerkung” – Ein Erfahrungsbericht

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Sehr geehrte Damen und Herren,

ich bin zufällig auf Ihrer Seite gelandet.

Ich habe weniger eine Frage als mehr eine Anmerkung: Ich bin selber ein
betroffenes Dyskalkulie-Kind gewesen (mittlerweile bin ich 38), und in
den 70ern und 80ern kannte kein Lehrer und kein Schulpsychologe eine
solche Erkrankung. Ich galt als faul und dumm und sollte sogar in eine
Sonderschule umgeschult werden, wogegen sich meine Mutter aber verwahrt
hat. Legasthenie ist das strahlende Vorbild, was jeder kennt, aber
Dyskalkulie kennt man einfach nicht und diese Leute fallen unter den
Tisch und werden abgespeist mit: “Ja, ja, ich kann auch schlecht
rechnen.” Oder „Mathe macht halt keinen Spaß“. Aber ich konnte gar nicht
rechnen und habe die abstrusesten Ergebnisse erzielt. Meine Mutter war
damals sehr böse, als ich sie 73-jährig nannte, obwohl sie 37 war. Für
mich waren die Zahlen austauschbar. Meine Eltern haben Tausende in
Nachhilfe gesteckt und der Erfolg war gleich Null. Mein Vater hat spät
abends mit mir Hausaufgaben gemacht und als ich es einfach nicht
verstehen konnte, ist er, nach dem er mich vor Verzweiflung verprügelt
hat, vor mir weinend auf die Knie gefallen und hat mich angefleht, die
Aufgabe doch bitte endlich, endlich zu verstehen.

Mit 19 (!) Jahren erst, hatte ich die Möglichkeit einer Therapie, in der
mir gezeigt wurde, wie ich ohne Finger rechnen und zu den richtigen
Ergebnissen kommen kann. Seit dem geht es besser und ich bin heilfroh,
nicht mehr in der Schule Mathematik machen zu müssen.

Schon in der ersten Klasse sagte mir meine damalige Lehrerin: “Du bist
doch nur zu blöd zum Rechnen!” Das hat mich geprägt, denn in allen
anderen Fächern war ich sehr gut, in Deutsch sogar Klassenbeste.

Vererbbar scheint es auch zu sein, denn meine Mutter litt/leidet auch
darunter. Nun könnte man sagen: “Du ruhst Dich darauf aus, dass deine
Mutter das hat. Da kannst du leicht sagen: Ich habs auch.” Dass meine
Mutter ebenfalls an Dyskalkulie leidet, habe ich aber erst im Alter von
25 Jahren erfahren, und da war ich glücklicherweise schon lange aus der
Schule raus.

Die Arbeit, die Sie machen, ist sehr sehr wichtig und ich freue mich für
jedes Kind, dass an eine/n wache/n LehrerIn gerät, die/der Hilfe weiß
und Verständnis zeigt. Wenn in der Schulzeit meine Mathematiknote hätte
ausgesetzt werden können, wäre ich durch die gesamte Schulzeit hindurch
eine fröhlichere und ausgeglichenere Schülerin gewesen und hätte
vielleicht nicht im Alter von 12 Jahren Migräne bekommen. Gott sei Dank
ist man heute so weit zu verstehen und zu handeln!

Mit freundlichen Grüßen

K. M., Berlin

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